
MIT GOTT IM ALLTAG
Elfriede Demml | Voll Vertrauen | Leben im Rollstuhl
Offene Füße und Kaiserschmarrnduft
Meine Freundin Theresa und ich sind bei einem Kongress in Wien. Wir haben noch Zeit und wollen einen Zwischenstopp beim Stephansdom in der Anbetung einlegen. In der U-Bahn-Station sehen wir einen wahrscheinlich obdachlosen Mann auf einer Bank mit ganz offenen Füßen. Es zieht mich zu ihm hin. Aber wir haben nichts, was wir ihm geben könnten, deshalb beschließen wir, erstmal in die Anbetung zu gehen und irgendwas zum Essen für ihn zu kaufen und es ihm danach zu geben, denn er sieht nicht so aus, als wäre er dann weg, wenn wir wiederkommen. Auf dem Weg zum Lift sage ich noch zu Theresa: "Da muss uns der Heilige Geist jetzt aber verraten, was der Mann gerne isst." Als wir oben aus dem Lift aussteigen, kommt uns Kaiserschmarrnduft entgegen. Wir gehen weiter und verbringen ein paar Minuten in der Anbetung im Stephansdom. Auf dem Rückweg überlegen wir noch, ob wir nun dem Mann Burger beim McDonald's kaufen sollen, oder doch Kaiserschmarrn. Aber nachdem der Kaiserschmarrn der erste Duft war, der uns entgegenkam, nachdem wir den Entschluss gefasst hatten, Essen für ihn zu kaufen, entscheiden wir uns für Kaiserschmarrn. Wieder unten in der U-Bahn Station angekommen, fetze ich mit meinem E-Rolli voller Tatendrang zu ihm hin. Er hebt verwirrt den Kopf und ich rufe voller Freude: “Guten Morgen, essen Sie gerne Kaiserschmarrn? Wir hätten Kaiserschmarrn für Sie.” Er steht auf und läuft davon. Ich rufe ihm noch hinterher: “Halt! Ich wollte sie nicht vertreiben.” Aber er würdigt mich keines Blickes mehr. Scheinbar war ich zu stürmisch. Und vielleicht ist er es auch gewohnt, vertrieben zu werden? Das tut mir leid. Ob wir noch jemand anderen finden, den wir den Kaiserschmarrn schenken könnten? Oder ob wir ihn selber essen sollen? Doch dann sehe ich, wie der Mann im Müll herumkramt und in Bechern schaut, ob noch was drinnen ist. Das erfüllt mich mit Schmerz. Er hätte frischen Kaiserschmarrn haben können und sucht im Müll nach Essen. Da meint Theresa: “Ich glaube, er ist einfach kein Mann vieler Worte. Wenn wir ihm noch mal begegnen, drücke ich ihm den Kaiserschmarrn einfach in die Hand, ohne mit ihm zu sprechen.” Und so schleichen wir uns vorsichtig wieder näher an ihn heran. Manchmal verschwindet er zwischen Säulen, dann sehen wir ihn wieder. Ich halte jetzt Sicherheitsabstand, denn ich möchte ihn nicht noch mal vertreiben. Aber Theresa geht mutig auf ihn zu, sagt "sorry”, er dreht sich zu ihr um, sie drückt ihm das Essen in die Hand. Er nimmt es tatsächlich und setzt sich damit auf eine Bank. Theresa geht weg und sagt zu mir: "Ich habe ihm lieber seine Privatsphäre gelassen.”
Ich hatte mir schon ausgemalt, wie wir mit ihm sprechen, vielleicht sogar mit ihm beten. Aber ich darf mal wieder lernen, dass Gott sanft und unspektakulär wirkt. Und ich bin froh um Theresa, die das erkannt hat.
Elfriede Demml, 15. März 2026