
MIT GOTT IM ALLTAG
Elfriede Demml | Voll Vertrauen | Leben im Rollstuhl
Bewahrt
Wieder einmal bin ich mit meinen Firmlinge im Vinzidorf. Es schneit und die meisten der Bewohner sitzen bei uns in der „Aufenthaltsbaracke“. Als Pfarrer Pucher nach einer Einführung die Firmlinge durch das Vinzidorf führen will, meint er ich solle drinnen bleiben, denn es sei so kalt und ich kenne das Dorf eh schon. So sitze ich also bei den biertrinkenden Männern und kann sie mit Mühe davon überzeugen, dass ich lieber einen Saft trinke, weil ich ja mit meinem E-Rolli am Steuer bin. So flößt mir ein Mann mit zitternden Händen aber voll Freude einen Saft ein. Auch ein Gebäck holt er gleich für mich. Ich erkenne in ihm den Mann, der mir letztes Jahr das Franziskus-Tau geschenkt hat. Ich trage das Halsband und zeige es ihm. Er strahlt über das ganze Gesicht. Plötzlich meint er: „Ich bin zwar kein Arzt, aber ich sehe, dass deine Lippen trocken sind und dass du einen Labello brauchst. „Hat jemand von euch einen Labello?“, wendet er sich an seine Kollegen. Leider nein. Aber mir fällt ein Stein vom Herzen. Ein fremder Labello wäre mir dann doch zu weit gegangen. Ich versichere ihm, dass ich zuhause genug Labellos habe und dass ich keinen anderen brauche.
Als wir dann nachhause gehen, kommt gerade die Straßenbahn. Die Firmlinge fetzen über die Straße. Ich ihnen hinterher, obwohl die Ampel schon rot ist. Die Fahrerin schimpft ordentlich mit mir: „Willst du denn noch einmal überfahren werden?“ Sie meint wahrscheinlich, ich sitze im Rollstuhl, weil ich nicht aufgepasst habe und einen Unfall hatte. Das will ich nicht auf mir sitzen lassen und ich will schon trotzig antworten, dass ich noch gar nie überfahren worden sei. Aber dann merke ich, dass das wohl in dieser Situation nicht sonderlich angebracht wäre und ich entschuldige mich bei ihr für meine Unachtsamkeit. Ich merke, dass sie sich aus einer mütterlichen Sorge heraus aufregt und nicht, um mich fertig zu machen. Und ich erkenne, wie oft in meinem Leben ich schon unachtsam war und trotzdem bewahrt worden bin vor Unheil. Und dann denke ich wieder zurück an die Männer im Vinzidorf. Warum wurden sie nicht davor bewahrt, so auf die schiefe Bahn zu geraten und ich schon?
Elfriede Demml (28), Pastoralassistentin in Graz-Christkönig/Hl. Schutzengel, Februar 2016
Erschienen in: Ausseerland Pfarrblatt, März 2016