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Nächtliche Abenteuer

Ich bin mit meiner Assistentin auf dem Heimweg von meiner jährlichen Therapie in Norddeutschland. Auf unserer Strecke ist heute gefühlt alles schief gegangen, was im Laufe so einer Zugfahrt schief gehen kann und so kommen wir mit einer Verspätung von 5 Stunden erst nach Mitternacht in München an, wo wir wieder unseren Zwischenstopp machen. Zu unserer Unterkunft müssen wir ein paar Stationen mit der S-Bahn fahren. Als wir dort aussteigen wollen, sehe ich schon, dass der Aufzug gesperrt ist. Blitzschnell entscheide ich, dass es am besten ist, wenn meine Assistentin hier aussteigt und mit dem Koffer zu unserer Unterkunft geht und ich alleine noch eine Station weiter fahre und von dort aus mit meinem E-Rolli zu unserer Unterkunft fahre, denn mit dem E-Rolli bin ich ja viel schneller, als sie zu Fuß mit Koffer. Der Lokführer der S-Bahn lässt mich geduldig wieder einsteigen da fällt mir wieder ein, dass mein Handy nur noch 6% Akku hat und dass ich aber auf jeden Fall ein Navi brauche um im dunklen zu unserer Unterkunft zu finden. Ein junger Bursche, der mit seinem Bier in meiner Nähe in der S-Bahn sitzt, hilft mir, das Ladekabel rauszuholen. Ich habe einen Adapter, so dass ich das Handy am Rolli Akku laden kann. Für genau solche Situationen hat mir das mal ein Freund besorgt und jetzt bin ich mega dankbar darum. Bei der nächsten Station steige ich aus. Der Junge sagt noch, er hoffe, dass hier der Lift funktioniert und erzählt mir, dass er vor kurzem zwei gebrochene Beine gehabt habe und dass er oft sehr lange mit der S-Bahn gefahren ist, bis er eine Station gefunden hat, wo der Lift funktioniert. Nachdem ich aber schon beim Aussteigen sehe, dass der Lift da ist und nicht gesperrt ist, bin ich beruhigt. Ich fahre hin, die Tür geht auf, ich fahre rein und drücke. Die Tür geht zu, aber nur bis zur Hälfte, dann geht sie wieder auf. Ein paar Mal fahre ich raus und rein aus dem Lift und drücke immer wieder, aber immer das gleiche. In der Nähe sitzt ein Mann auf einer Bank und beobachtet mich. Ich frage ihn: "Kannst du mir helfen?" Er kommt und versucht die Tür zu zudrücken - ohne Erfolg, er geht hinunter und versucht von unten den Lift zu holen - ohne Erfolg, er versucht selber damit zu fahren - ohne Erfolg. Alleine fährt der Aufzug, aber wenn jemand drinnen ist nicht. Ich sage ihm, ich werde mit der nächsten S-Bahn einfach noch eine Station fahren, doch Gott sei Dank kennt er sich aus und sagt mir, dass es bei der nächsten Station gar keinen Aufzug gibt. Jetzt habe ich wirklich keine Idee mehr. “Jesus, ich brauche ein Wunder.” Ich rufe den Bruder im Salesianum an, der schon die halbe Nacht geduldig auf uns wartet und nicht schlafen gehen mag, bevor wir kommen, immerhin habe er extra für uns Linseneintopf vom Abendessen aufbehalten und er ist fest entschlossen dieses Abenteuer mit uns bis zum Ende durchzuziehen. So rufe ich ihn an und erzähle ihm von meiner misslichen Lage. Er beschließt, die Feuerwehr anzurufen, weil er keine andere Möglichkeit sieht, wie ich mit meinem über 200 kg schweren Elektrorollstuhl mitten in der Nacht von diesem fast menschenleeren Bahnsteig wegkommen soll. Gerade haben wir unser Telefonat beendet, da kommt plötzlich hinter mir eine Rollstuhlfahrerin mit ihrer Assistentin aus dem Aufzug. Ich traue meinen Augen kaum: "Wie seid ihr hier raufgekommen?" - "Ganz normal, ohne Probleme.” Also versuche ich es noch einmal. Wieder das Gleiche, die Tür geht halb zu und dann wieder auf. "Jesus, lass ihn noch einmal fahren." Ich versuche es noch ein paar mal und plötzlich geht die Tür zu und er fährt. Unten angekommen sehe ich wohl sehr verwirrt aus, denn ein Mann fragt gleich, ob ich Hilfe brauche. Er zeigt mir die Richtung, wie ich aus dem Bahnhof rauskomme. Der nächste funktioniert tadellos. Ich rufe den Bruder an und sage ihm, dass ein Wunder passiert ist und dass ich draußen bin. Wir brauchen keine Feuerwehr! Nun fetze ich geführt von meinem Navi und wohl von vielen Schutzengeln durch finstere Gassen mit vielen Hindernissen durch Baustellen durch München und komme erleichtert im Salesianum an, wo mich der Bruder und meine Assistentin um 1:45 Uhr in der Nacht mit Linseneintopf erwarten.

Bei der Weiterfahrt am nächsten Tag kommen wir noch einmal an dem Aufzug vorbei und jetzt ist er offiziell gesperrt. Ich glaube, der Herr hat tatsächlich noch einmal ein Wunder mit diesem Aufzug vollbracht, bevor er endgültig kaputt gegangen ist. Danke!

 

Elfriede Demml, 2. August 2026

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